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Abschied

Wehmut und Dankbarkeit: Gedanken zum Tod von Hermann-Josef Kreitmeir

Es begann mit einer Nachricht meiner Schwester Daniela: „Warte nicht bis zum Geburtstag unseres Vaters. Besser, wenn du vorher kommen kannst!“ Fast ein Jahr war vergangen, seit ich meinen Vater das letzte Mal gesehen hatte. Zusammen mit meinen acht Geschwistern, deren Partner und Kinder, hatten wir am 8. August 2016 den sage und schreibe 90sten Geburtstag unseres Vaters gefeiert, in Freude und Dankbarkeit, dass er da war, so lange, gefühlt immer schon, was für unser Leben ja auch zutraf. Und nun sollte dieses IMMER plötzlich in Frage gestellt werden? Seit dem Tod meiner Mutter war er das Zentrum der Familie, auch ohne lange Telefongespräche. Das auf dem Totenbett seiner Frau gegebene Versprechen hatte er gehalten, war immer und für jeden seiner Kinder und besonders auch seiner Enkel einfach da, hielt die Großfamilie zusammen.

Ich erschrak wie dünn er geworden war, wie schwer ihm selbst einfache Dinge des Lebens fielen, wie müde er war. Und doch, er war da, hörte zu und wenn er dann was sagte, dann blitze all das auf, was ihn so besonders machte. Kein Zweifel, mein Vater gehört zu den ganz wenigen Weisen, die mir in meinem Leben begegnet sind.
Ich staunte über die Kraft meiner Schwester Daniela, die ihm das Leben auch jetzt noch mit ihrer Fürsorge, Pflege, ihrem Lächeln und einer grenzenlosen Liebe lebenswert machte, trotz der sich nun rasch vermehrenden Einschränkungen des Alters.
Wie unglaublich intensiv kann jeder Moment werden, wie kostbar, wenn man sich seine Einmaligkeit bewusst macht. Wir beide wussten das ohne groß darüber zu reden, wir waren dankbar für diese zwei Wochen, die Gespräche oder auch nur dafür einfach beieinander zu sitzen.

Loslassen tut weh, verdammt weh und loslassen musste ich eine Menge in diesem zwei Wochen im Juli 2017. Da war mein geografisches Zuhause, Am Herzogkeller 21, der Rückzugsort, der auf mich wartete in der kleinen Bischofsstadt Eichstätt. Klar, seit vielen Jahren lebte ich im Bergurwald Sri Lankas, war Teil geworden einer riesigen Lebensaufgabe. Und obwohl ich nur noch selten gekommen bin, nie mehr als zwei Wochen pro Jahr, zu wissen, dass man könnte, wenn man müsste, ich meine Heimkommen, mir gab das Kraft und Sicherheit. Doch die Zeit heilt nicht nur Wunden, sie lässt auch viele Gefühle verblassen und irgendwann waren das nur noch Räume, vollgestopft mit Vergangenheit. Umso erstaunter war ich, wie schwer es war, genau diese Vergangenheit zu entsorgen.

Stundenlang saß ich zwischen alten Briefen, Fotos und Andenken, konnte einfach nicht entscheiden, was wegwerfen und was behalten, denn all das war Teil meines Lebens. So viele Erinnerungen wurden aus der Zone des Gedächtnisses gerissen wo sie zwar irgendwie gelagert aber eben nicht abrufbar sind, bis dann ein Irgendwas aufsperrt. Welchen aber von diesen vielen kleinen Schlüsseln konnte ich entbehren, welche Erinnerung dem Vergessen preisgeben?

Froh war ich darüber, dass ich viele Dinge, die mir mal wichtig waren verschenken konnte und sie nun anderen Menschen Freude bereiten.

Reini, ein Freund aus Schultagen, rief an, wir trafen uns, gemeinsam besuchten wir seine Mutter. Vor einer kleinen Ewigkeit waren sie und ihr Haus Treffpunkt der Klasse, die Türe war für uns immer offen. Sie wusste über uns alle Bescheid, wer gerade mit wem und wer nicht mehr, hier verschmolzen Nachrichten und Gerüchte zu interessanten Geschichten, hier gab es immer einen Spezi und später ein Bier, hier war unser Jugendzentrum.

Die Zeit schien stehengeblieben. Sie saß, vielmehr thronte wie schon damals, übergewichtig und etwas kurzatmig und noch immer wusste sie viel von uns Jungen, die nur noch in ihren Augen jung waren und saugte begierig alles auf, was ich aus meinem Leben zu berichten wusste. Fast unbemerkt waren die Alten um sie herum gestorben, sie hatte ihre zwei Buben und all die Jungen von damals. Wir tranken ein Bier und es gab einen dicken Abschiedskuss. „Kreiti, komm bald wieder“, rief sie mir nach und für mich stand außer Zweifel, das dies nicht unser letzter Plausch, nicht das letzte gemeinsame Bier und auch nicht der letzte Kuss war.


Viel zu schnell waren die zwei Wochen vorbei. Der Zustand meines Vaters hatte sich nicht dramatisch verschlechtert.Ich hatte vielmehr den Eindruck er würde immer leichter, fast schon durchsichtig, war immer öfter und länger bereits Gast in einer Welt, in die wir ihm nicht folgen konnten und in der meine Mutter auf ihn wartete. Als ich dann den Raum betrat, in dem er einen Großteil der Tage verträumte, als er den Kopf hob und mich ansah, so tief, so wissend, da waren dann Worte nur noch fehl am Platz.  Dieser Blick, die letzte Umarmung, das Kreuzzeichen auf meine Stirn gezittert. „Grüß die Mama von mir!“ Er lächelte und nickte. „Behüt’ dich Gott und all deine Kinder in Sri Lanka!“

Acht Tage, nachdem mir mein Vater zu meinem Geburtstag gratuliert hatte, mir über Whats App sogar ein Ständchen gesungen hatte, am Morgen des 26. September 2017 ging er in eine andere Form des Daseins, so hatte er es zuletzt genannt, während meine Schwester Daniela seine Hand hielt. Drei Wochen vor ihm war die Mutter meines Freundes gestorben.

Nachtrag: Am Ende habe ich nichts mitgenommen aus Deutschland nach Sri Lanka, keinen Brief, kein Foto, kein Andenken.  Ich habe ganz einfach erkannt und zwar in dem Moment als ich den Raum verlies, in dem ich gerade Abschied genommen hatte von meinem Vater: Was bleibt ist das, was man im Herzen trägt.