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Mutter-Tag

Der riesige Koffer fällt immer wieder um, die sowieso schon zu kleinen Rollen kommen nicht mit unserem Granitpflaster und dem Gefälle zurecht. Die beiden Männer sind sichtlich überfordert und genervt, wollen aber den Koffer nicht tragen, lieber lassen sie ihn ständig umfallen und über den vom Nachmittagsregen feuchten Steinboden schlittern. Auch die Frau, die den Kofferdomteuren folgt, hat große Mühe nicht ständig hinzufallen, bleibt mit ihren Absatzschuhen zwischen den Steinen hängen, knickt ständig um und gibt schließlich und klugerweise auf, zieht die Stadtschühchen aus. Barfuß erreicht sie unser Büro, gefolgt von einer alten Dame, die später als ihre Mutter vorgestellt wird und in den kommenden zwei Stunden nicht ein einziges Wort sprechen wird.


Anka ist alarmiert, wie ein Wildfeuer hat die Nachricht die Runde gemacht. Sudus und Sandus Mutter ist gekommen und wird uns unsere Zwillinge wegnehmen. Ungläubig schaut sie auf die Frau, die auf ihre Kinder wartet, macht mit dem Handy ein Bild und verschwindet, um knapp 10 Minuten später aufgeregt zurückzukommen und mir ins Ohr zu zischen: „Das ist nicht die Mutter, ganz sicher nicht, ich habe die Bilder verglichen“. Später wird sich herausstellen, dass es sich zwar um die gleiche Person handelt, die vor drei Jahren diese Kinder bei uns abgegeben hat, dass die äußerlichen Veränderungen aber extrem sind.


Auch Sudu und Sandu  können mit der Fremden wenig bis gar nichts anfangen und reagieren erschrocken auf die Versuche der Frau sie zu umarmen. Alle meine Ratschläge, gerade erst ausgesprochen, nämlich dieses Wiedersehen langsam zu starten, gehen in der Aufwallung der Gefühle dieser Mutter einfach unter. Das Wiedersehen findet in unserem Kleinkinderhaus, dem Wisdom-Haus statt, so haben die Kleinen zumindest die ihnen bekannt Umgebung, Heimvorteil, sozusagen. Sprachlosigkeit macht sich breit. Die Zwillinge sind durcheinander, verstehen einfach nicht, warum da jemand immer Mama, Mama sagt, nehmen es aber irgendwann gelassen. In ihrem Haus lebt auch ein behindertes Kind und die sagt auch öfter Dinge, die außer ihr niemand so richtig kapiert. Ich platziere Mutter, Kinder und Großmutter auf einer Bank.

Und da sitzen sie dann und wissen nicht so recht, wie es nun weitergehen soll. Krachend fällt der Koffer auf die Veranda des Wisdom Hauses, eine Rolle ist abgebrochen, die beiden Kofferträger schnaufen schwer. Kam die Frau direkt vom Flughafen hierher und will sie sich hier niederlassen, warum sonst das schwere Gepäck? Das Geräusch reißt die Frau aus ihren Gedanken, sie fingert in ihrer Handtasche und kramt winzige Schlüssel hervor. Sudu und Sandu springen von der Bank und beobachten das Öffnen des Koffers, Überraschungen lieben sie und Süßigkeiten noch mehr. Und davon quellen nun zahllose aus diesem schwarzen Ungeheuer von Koffer. Die anderen Kinder blicken ungläubig und zunehmend sehnsüchtig auf all das Durcheinander aus Schokoladen und Bonbons. Aber damit nicht genug: Alle Formen und Farben von Haarschmuck, Schleifen, Schühchen, Kleider, überwiegend in rosa, Barbiepuppen, allesamt in rosa, es will einfach nicht aufhören. Drei Jahre, mehr als 1000 Tage und vor allem mehr als 1000 Nächte Sehnsucht, Trennungsschmerz, Einsamkeit häufen sich auf dem Boden unseres Wisdom Hauses an vor ratlosen Kinderaugen.

Irgendwann haben dann Sudu und Sandu genug vom An- und Umziehen, ja sogar von Süßigkeiten, irgendwann machen sie gute Miene zu dem rätselhaften Spiel, Mama wollen sie zu der Frau aber trotzdem einfach nicht sagen. Dafür verteilen sie artig Küsschen, wenn auch nur auf Anforderung.

Irgendwie fühlt es sich für mich so an als seinen Sudu und Sandu schon immer hier im Kinderdorf gewesen, was definitiv nicht stimmen kann, sind die beiden doch gerade mal fünf Jahre jung. Woran liegt es also, dass sie so starke emotionale Spuren hinterlassen? Eineiige Zwillinge sind ganz sicher etwas Besonderes, gerade weil sie nicht die Verdopplung eines Wesens sind sondern bei sehr, sehr ähnlichem Aussehen zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Ich erinnere mich ganz genau an unsere erste Begegnung. Wie in solchen Fällen üblich wurde ich ins Büro gerufen weil eine Mutter ihre Kinder bei uns abgeben wollte.

Es war die mir so bekannte Geschichte. Der Vater hatte sich schon während der Schwangerschaft aus dem Staub gemacht, die werdende Mutter wurde für die Familie zur Belastung und nach der Geburt zur Schande. Nach der Geburt der Kinder war der Vater immer mal wieder aufgetaucht, hat sein Recht als Ehemann eingefordert. Wenn die Frau nicht so wollte wie er, setzte es Hiebe. Konnte er auch so den Willen der Frau nicht brechen, schlug er die Säuglinge.

Eine Anzeige bei der Polizei, sinnlos: Gewalt in der Ehe ist hier nicht strafbar, eine Vergewaltigung in der Ehe gibt es gar nicht. Doch als die Frau nach einem der nächtlichen Besuche ihres Ehemanns ins Krankenhaus musste und die kleinen Mädchen mit Narben übersäht waren, wusste die Familie nur noch eine Lösung: Kinder und Mutter müssen weg. Der Weg als Hausangestellte in den mittleren Osten versprach für alle Beteiligten finanzielle Vorteile, für die Agentur, die Verwandten, die eine Kommission bekommen und sich dann meist auch noch den Verdienst der Tochter oder Schwester überweisen lassen als eine Art Wiedergutmachung und Tilgung der Schande. Wie ausweglos muss die Lage der jungen Mutter sein, wie hoch der Druck von allen Seiten dass man sich zwei so liebenswerte Geschöpfe aus dem Herzen reißt? 

Ein Bruder und ein Vermittler sind mitgekommen, lassen die junge Frau nicht aus den Augen. Ich locke sie unter einem Vorwand weg, biete der Mutter an bei ihren Kindern zu bleiben, dass wir für die kleine Familie sorgen, sie hier arbeiten und mit ihren Kindern leben kann? Sie beginnt zu weinen. Die Tickets sind bereits gekauft, das Geschäft gemacht, die Provisionen gezahlt und das Geld schon ausgegeben, es gibt kein Zurück mehr. Und wenn wir die Kleinen nicht nehmen? Dann werden sie die verkaufen, stöhnt die Frau. Ich habe Sudu und Sandu mit unserer Betreuerin für die Kleinen Anusha zum Spielen geschickt. Breitbeinig stemmen sich die Eineinhalbjährigen gegen den Hang, stecken ihre kleinen Arme aus. Kein Weinen, nicht einmal ein Blick zurück, ein links eine rechts auf dem Arm von Anusha beginnt für die zwei ein neues Leben. Und ihre Mutter? Sie ist todtraurig und erleichtert gleichzeitig. „Please Sir, give them love!“

Seitdem gab es keinen Tag ohne unsere Zwillinge und kein Tag auch ohne neue Entdeckungen für die zwei und für uns. Sudu wird schneller krank, dafür ist ihre Schwester Sandu eine Heulsuse. Beide haben sie einen umwerfenden Charme und wissen genau wie sie den einsetzen müssen, um zu bekommen, was sie wollen. Drei Jahre sind sie nun bei uns und nie habe ich sie miteinander streiten sehen. Wenn es nicht gleich klappt mit dem Durchsetzen der eigenen Wünsche, dann probiert es Sudu mit einem Lächeln und Sandu mit Tränen, die sie wie auf Knopfdruck an-und abstellen kann.

Ja und dann, völlig überraschend, rief unsere Torwächterin an. Es sei eine Frau da, die ihre Zwillingsmädchen besuchen wolle.

Der überraschende Besuch ist inzwischen gut zwei Monate her. Ein Anruf im Büro, sonst nichts. Die seltsamen Hütchen machen immer noch die Runde, im Schrank liegen wohlgefaltet die meisten der Kleider, die zu klein sind und warten auf passende Kleinkinder. Sudu und Sandu haben seit jenem Tag nicht ein einziges Mal nach der Mutter gefragt, den Besuch nicht einmal erwähnt. Mama sagen sie nie, auch nicht zu zu ihrer Betreuerin, die ist ja die Akka, die große Schwester. In Little Smile Mahagedara gibt es eine Reihe von Akkas, allen voran Anka-Akka und einen Loku Thaththa, großen Papa. Mütter kommen nur zu Besuch, manchmal, meist aber nur in den Träumen oder Erinnerungen vor und manchmal gibt es sie halt einfach nicht.