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Steter Tropfen...

Man muss nicht gleich auf Sand bauen, um zu erleben, dass wirklich nichts bleibt wie es ist und irgendwann in Bewegung gerät, vielmehr nie ganz diesem ständigen Prozess der Veränderung entkommt. Für nicht wenige Zeitgenossen ist es der Wettlauf, in den sie von einer cleveren Konsummaschine gesteckt und selbst zur Kaufmaschine verdichtet werden. Kaum vorstellbar, dass es mal eine Zeit gab, in der man sich vor einer gelben Box selbst in Regen und Schnee anstellen musste, für ein Telefongespräch. Und dann klemmte die Münze oder am anderen Ende meldete sich niemand weil Telefone fest verkabelt waren, so dass man sie nicht mit sich herumtragen konnte. Wenn man sich dann die Gramfalten anschaut, die so manchen Heranwachsenden verunzieren weil er nicht das neueste iPhone hat, im Gegensatz zu allen, die in der Schulklasse was zählen. Die Nr. 6  hat die Nummer 5 zum Elektroschrott für Abgehängte reduziert und schon ist auch die Nummer 6 dabei auf dem Müllabladeplatz der Zeit zu landen.

 

Aber ich schweife ab, mir geht es mehr ums Grundsätzliche, genauer um die Frage: Lohnt sich all das Plagen und Kämpfen wenn man genau weiß, dass man letztlich maximal Spuren in Sand zeichnet, die von der nächsten Flut in den Ozean gespült werden? Anders gefragt: Lohnt es sich etwas aufzubauen obwohl man genau weiß, dass ALLES vergänglich ist?


Es ist früher Morgen im Kinderdorf, das Schwarz der Nacht ist dem Silbergrau gewichen das den neuen Tag ankündigt. Hinter den Berggipfeln im Osten leuchtet es bereits in noch gedämpftem Gelb. Der Tag wird nur wenige Minuten brauchen erste Strahlen in den Himmel zu zeichnen, Boten einer meist strahlenden Sonne. Ein Rudel Hunde kreuzt meinen Weg, grimmig schaue ich ihnen nach. Mir fehlen die Worte um die nächtlichen Geräusche zu beschreiben, mit denen sie ihre Kämpfe um das einzige Weibchen im Pulk begleitet haben und mir den Schlaf geraubt. Irgendwo werden sie sich nun ein ruhiges Plätzchen suchen und den Tag verdösen und neue Kräfte sammeln, um wieder mit Heulen und Knurren, Grollen und Bellen die kommende Nacht mit akustischen Geistern zu füllen, wie schon die letzte und die davor und die davor. Warum hat hier wirklich jedes Haus zahllose Hunde? Dabei kümmert sich kaum jemand darum, ob die krank sind, was zum Fressen haben.  Selbst am Tag reißen sie unsere Hühner, killen die Enten und jagen die Hasen.
Ich lösche die Lichter im Schulgebäude. Draußen und Drinnen wollte ich verschmelzen, jeder Raum öffnet sich auf eine Veranda oder einen Balkon. Wie hätte ich damals wissen sollen, dass einmal zahllose Fledermäuse unsere Schule in der Nacht heimsuchen, an den Dachbalken hängend ihre Beute verdauen. Das was nicht verdaubar ist häuft sich dann, klebrig, am Boden an, sehr zur Freude von Heerscharen von Ameisen aller Größen von tiefschwarz bis fast gelb. Licht mögen diese Nachttiere nicht so gern, aber völlig lassen sie sich davon leider auch nicht aus unserer Schule vertreiben, wie mir einige Haufen schon auf der Treppe deutlich machen.
Mein Weg durch das Kinderdorf schlängelt sich hoch zur Schreinerei, gesäumt von Kokospalmen. Die Spur der Verwüstung ist nicht zu übersehen. Es waren drei Elefanten, die gestern Nacht hier mehrere Palmen und etwa zehn Arikonatbäume, das sind sehr schlanke Palmen auf denen die hier beliebte Betelnuss wächst, regelrecht zerrissen haben, bevor ich sie mit Böllern, vertreiben konnte. Das Wild Life Department hat drei dieser Monsterkracher spendiert, davon wurde einer gleich geopfert zu Demonstrationszwecken. Falsch gehandhabt geht das auf die Hand, ein paar Finger sind da schnell weg, wenn so ein gut 30 Zentimeter langes Rohr explodiert bevor man es weit genug geworfen hat. Taschenlampe mit den Zähnen festhalten, Elefanten beobachten und gleichzeitig die Lunte entzünden. Einfach ist anders! Irgendwie hat es geklappt, die Finger waren noch dran, die Elefanten haben sich verzogen, für den Moment. Klar ist, sie werden wiederkommen. Warum aber haben sie so viel zerstört und nur wenig gefressen? Ist das Wut darüber, dass man ihnen ihren Lebensraum mehr und mehr beschneidet? Ich denke an die vielen, vielen Kämpfe mit Unkraut, Parasiten und der Trockenheit, fünf lange Jahre, bis diese Bäume groß und kräftig waren und sogar Früchte trugen. All das wird nun Stück für Stück zerstört in einem sinnlosen Aufbegehren der letzten freien Riesen. Unsere Farm, das Bubenheim, das Naturschutzgebiet sowieso. Nun also auch das Kinderdorf. Doch diese Zufluchtsorte sind zu klein für all die heimatlos gewordenen Wildtiere.
Mir begegnen zahllose Pfaue, ohne jede Scheu staken sie durch die Vorgärten der Kinderhäuser, hacken gegen Fensterscheiben und Spiegel und suchen ihr Frühstück. Hinter dem Moonlight Kinderhaus haben in der Nacht Wildschweine den Badeplatz regelrecht umgepflügt, die beiden großen Bäume vor dem Mainhaus wurden bereits am frühen Morgen regelrecht entlaubt. Die schwarzgesichtigen Languren, die größte Affenart hier, beißen junge Blätter in rasender Geschwindigkeit ab, irgendwas am Stil scheint ihnen zu schmecken, der Rest segelt zu Boden. Viele unserer großen Urwaldbäume halten die ständige Entlaubung nicht mehr aus, werden krank, sterben. In der Küche kämpfen die Mädchen die das Frühstück zubereiten, gerade mit einem Trupp Makaken, der ersten aber ganz sicher nicht letzten Gruppe, die heute das Kinderdorf nach Essbarem durchstreifen und dabei immer dreister werden. Bis zu sechs Horden mit mindestens 50 Tieren treiben im Kinderdorf ihr Unwesen, Tag für Tag.

Ich habe das Mainhaus erreicht, sitze auf einem Steinblock und warte darauf, dass die Sonne den gegenüberliegenden Berg erklimmt. In etwa 30 Minuten kommen die Arbeiter, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Es gibt so viel zu tun, die Pfefferernte muss eingebracht werden bevor ein Teil gestohlen wird, die Schäden der Nacht beseitigt, zwei Wasserleitungen repariert. Auch sie konnten den Elefanten nicht widerstehen. In drei Häusern wurden Termitenschäden entdeckt, im Sunshine Haus haben sie sich einfach durch den Zementboden gebohrt. Affen haben in vielen Häusern Löcher in die Ziegeldächer gerissen, zwei Fenster gingen zu Bruch, das Werk der Pfauenmännchen die ihr Spiegelbild bekriegten. Irgendwo verlieren wir zusätzlich Wasser, die Frage ist nur wo? Kann nur hoffen, dass der Schaden sichtbar ist und nicht irgendwo unter der Erde Wurzeln eine Leitung zerbrochen haben. Wie die Stelle finden bei mehr als 150 Wasserhähnen und gut 2 Kilometern Leitungen?


Ich sitze da, schaue in die aufgehende Sonne dieses 15. Augusts im Jahr 2017 und fühle mich wie der Kapitän der Arche Noah, die unterzugehen droht weil einfach zu viele Lebewesen auf ihr Zuflucht suchen.

Wenig später werden auch aus Hill Top und Rajagiri Elefantenschäden der Nacht gemeldet. Plötzlich ist da dieses Bild aus dem Film Titanic. Das Schiff ist zweifellos verloren, überall Chaos, Angst, Tod. Der Kapitän aber geht zur Kaminuhr im Salon und stellt die genaue Zeit ein.

Ich stehe auf und gehe ins Mainhaus, ein neuer Tag im Kinderdorf Mahagedara hat begonnen.

PS. Bei der Aufzählung der Morgenüberraschungen handelt es sich nicht um das Stilmittel der Verdichtung oder um Dramatisierung. Genau so war es, als ich heute am Morgen hochkam und für einen Moment kam ich mir hilflos vor, meine Anstrengungen erschienen mir lächerlich und die Gewalt der Zerstörung übermächtig. Aber wie ALLES ist auch dieser Moment vorübergegangen.