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Wenn das Lächeln stört

Eine Posse um Recht und Gerechtigkeit – Letzter Teil (vorerst)

Ein energischer Ruf, Bänke werden zurückgestoßen, die Masse erhebt sich als wäre sie aus einem Körper. Für einen Moment ist dies das einzige Geräusch. Im Schutz der stehenden Menschen haste ich zurück in den Gerichtssaal, mein Platz ist besetzt, ausgerechnet von denen, die mich hierher gezwungen haben, den Beamten des Probation. Demonstrativ bleibe ich stehen, bin unübersehbar mit meinen 190 cm und meiner hellen Hautfarbe. Mr. Mikel is back!

Wieder stehe ich vor dem Kadi, wieder als der Angeklagte, der Böse. Auf der anderen Seite die berufsmäßigen Beschützer der Kinder Sri Lankas, in diesem Fall der UVA Provinz. Sogar die Leiterin der Behörde ist heute vor Gericht erschienen, immerhin geht es darum, dem Menschen, der nachweislich am meisten für Kinder in ihrem Verwaltungsbereich tut, einen Denkzettel zu erteilen. Wie so oft geht es um Macht und die sogenannte Autorität und die muss man wieder herstellen gegen einen, der das Spiel einfach nicht mitspielt. Die Liste der Vorwürfe, nach mehr als einem Jahr vor Gericht, endlich zu Papier gebracht, ist lange:

Mr. Mikel respektiert die Beamten nicht, wenn sie in seinem Kinderdorf erscheinen.

Mr. Mikel schützt die Privatsphäre der Mitarbeiter im Kinderdorf und verwehrt den Offiziellen Zugang zu deren privaten Räumen.

Mr. Mikel mischt Kinder aus dem Internat mit Sozialfällen, die von der Behörde zwangseingewiesen wurden, Integration statt Abgrenzung.

Mr. Mikel respektiert die Kinder und lässt sie nicht wie Bittsteller erstarren, wenn die Beamten einfallen. Sie müssen auch nicht für diese tanzen.

Mr. Mikel meint es wirklich ernst mit der Fürsorge und Verantwortung für Kinder in Little Smile.

Mr. Mikel handelt nicht in erster Linie geleitet von Geboten und Verboten sondern von  dem Wunsch, langfristig das Leben der ihm anvertrauten Kinder zu verbessern, ihnen eine Chance zu geben indem er sie fit macht für das Leben draußen.

Mr. Mikel gehört vor Gericht.  Nur, welches Gesetz hat er gebrochen? Die Suche geht weiter!

Und so werde ich wieder und wieder zum Gericht marschieren, warten und dann schweigend all den Unsinn über mich ergehen lassen müssen, der mit Recht und Gerechtigkeit so gar nichts gemein hat. Niemals wird sich der Richter herablassen die 30 Kilometer nach Mahagedara zu fahren, um sich selbst ein Bild zu machen. Wer die Macht hat, der hat immer Recht, also haben die anderen gelernt einfach wegzuschauen oder die Entscheidungsträger auf die ein oder andere Weise zufrieden zu stellen. In meinem Fall freilich ist das schwierig, denn es würde bedeuten ich müsste aufhören das zu tun, was richtig und was wichtig ist. Aus diesem Grund aber bin ich nach Sri Lanka gekommen und deshalb bin ich immer noch hier. Vermutlich fehlt mir die sogenannte professionelle Distanz. Kinder, reduziert zum Versorgungsproblem auf Zeit – Nein Danke, nicht mit mir. Und so zahle ich den Preis. Das ist nicht angenehm aber viel besser als wenn die Kinder zahlen müssten,  weil sie sich nicht wehren können.

P.S.

Nach nicht einmal einer Minute wurde an diesem 30. August 2017 „mein Fall“ auf den 7. Dezember 2017 vertagt. Die Behörde hatte so noch mehr Zeit mein Wohlverhalten auf die Probe zu stellen. Ich habe einen halben Tag verloren und das Geld für die Anwälte, die nicht einmal den Mund aufmachen mussten.
Falls es da draußen irgendwer immer noch nicht kapiert habe, hier zum Nachlesen: Man braucht in Sri Lanka als staatliche Behörde weder eine Anklage und schon gar keine Beweise. Eine Beschuldigung bei der Polizei genügt, um den Missliebigen immer und immer wieder vor Gericht zu zerren. Und wenn dann nach Monaten oder Jahren rauskommt, dass es gar keinen Grund dafür gab, gibt es weder ein Wort der Entschuldigung und schon gar keine Entschädigung, dafür aber eine klare Botschaft: Halt in Zukunft besser das Maul und leg dich schon gar nicht mit den Staatsdienern oder gar Politikern an, die haben immer Recht.

P.S.1

Und wie ging es weiter? Am Tag nach dem Gerichtstermin kamen 4 Polizisten ins Kinderdorf, wollten die Kinder sehen und mit ihnen reden. Der Staat demonstriert seine Macht und den Zusammenhalt seiner Beamten.

Epilog

Nach mehr als einem Jahr und vier weiteren Gerichtsterminen wurde am 19. September 2018 die Klage des staatlichen Jugendamtes gegen mich fallen gelassen, eine Klage die mir oder den Anwälten nie vorlag, also wurde sie genaugenommen auch nicht fallen gelassen, es gab sie einfach nicht mehr oder hatte es sie nie gegeben?
Beim Verlassen des Gerichts fing mich der Beamte der Behörde, der uns seit Jahren mit seinem Hass verfolgt hat, ab und erklärte mir mit einem Lächeln, dass er nun nicht mehr für uns zuständig sei. Ich konnte nicht lächeln, aber geweint habe ich ganz sicher auch nicht.
Erst auf dem Rückweg ins Kinderdorf Mahagedara wurde mir so richtig klar:
Ich und mit mir Kinder in Not in Sri Lanka haben nicht verloren, im Gegenteil. Und da musste ich doch ein klein bisschen lächeln, ein little smile eben.

FORTSETZUNG FOLGT?