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Imagine – there is no heaven!

Erfahrungsbericht von Maja Hilke
Wieder in Deutschland. Es schlägt mir Hamburgs September-Nieselregen entgegen, klassische Musik tönt etwas scheppernd aus den Lautsprechern am Hauptbahnhof. Ich setze mich mit einem Kaffee auf dem Vorplatz und warte auf den Zug, der mich nach Hause bringt, einem Zuhause, dass –so weiß ich es jetzt nach meinem dritten Aufenthalt in Little Smile- immer in Konkurrenz mit dem Ort im Bergland Sri Lankas stehen wird. Nachdem ich in Sri Lanka mit ganz elementaren Problemen des Lebens konfrontiert war, kommt mir das Treiben vor dem Bahnhof, die Gesprächsthemen der Menschen, unwichtig und mittelmäßig vor. Und die Ungerechtigkeit der Welt wird mir klar, ich konnte mich als Freiwillige den massiven Problemen zumindest physisch entziehen und zurück nach Deutschland fliegen, während meine Freunde jeden Tag für den Erhalt ihres Projektes und Zuhauses kämpfen müssen, jeder auf eine andere Art. Die Einen müssen große Ungerechtigkeit erleiden und werden für ihren persönliche Einsatz auch noch bestraft, sodass sie am Sinn ihres Handelns und damit auch einem großen Teil ihres Lebens zweifeln. Andere müssen das Projekt verlassen, weil ihre Familien beschlossen haben, dass sie nun heiraten müssen. Andere haben im Bürgerkrieg ihre Familien verloren und sind sich seitdem im Klaren, dass sie ganz allein sind, wenn das Projekt Little Smile geschlossen würde.

Ich wollte nach fünf Jahren wieder einmal in das Projekt, das mein Leben enorm geprägt hat. Ich wollte fünf Wochen mit- und wiedererleben und Menschen wieder sehen, deren Gesichter ich nie vergessen hatte. Mir war klar, dass auch vier Wochen Projektalltag schon anstrengend sind, aber dass ich in dieser Zeit so viel Sri Lankanische Problematik in konzentrierter Form mitnehmen würde, hatte ich nicht erwartet.
Maja Hilke im Kreis ihrer einheimischen „Kolleginnen“. Vor 6 Jahren war Maja das erste Mal im Kinderdorf, 9 Monate lang. Viele der jungen Frauen, die sich heute um die Kinder kümmern waren damals noch Schülerinnen, acht der 13 Betreuerinnen sind ehemalige Kinder von Little Smile.


Die erste Woche in dem Projekt war in erster Linie von großer Wiedersehensfreude geprägt. Nachdem ich im Jahr 2003 und 2004 neun Monate und 2005 vier Wochen im Kinderdorf gearbeitet hatte, war es schön mitzuerleben, dass sich Menschen an mich erinnerten und ich offensichtlich kleine Spuren hinterlassen hatte. Plötzlich begegnete ich den Kindern von damals auf einer gleichberechtigten Ebene als Kolleginnen, denn einige von ihnen sind jetzt als Erzieherinnen wie Asha und Shyamali, Arbeiter oder „Hausmeister“ wie Mahesweran, Kasun und Jayarathna und nicht zuletzt als leitende Erzieherin wie Saradha tätig. Es war eine Woche, die von Gesprächen über „früher“ geprägt war, Kinder erzählten über die Lebensläufe ihrer ehemaligen „Geschwister“ und über ihre eigenen. Bawani, die Frau, die ich damals als Küchenangestellte kennen gelernt hatte, war zwischenzeitlich verantwortliche Erzieherin gewesen und sagte, ich sei es gewesen, die sie „hochgebracht“ hatte, dadurch, dass ich sie damals in Englisch unterrichtet hatte.

Ich war im Honest House bei den kleineren Jungs eingesetzt und unterstützte dort Shamali, die ich als junges Mädchen kennen gelernt hatte und manchmal in ihrer eigenen Identitätssuche den kleinen Jungs im Honesthouse, für die sie verantwortlich ist, etwas ratlos und erschöpft gegenübertrat, aber ihnen immer mit viel Liebe begegnete. Vor allem schätze ich sie jetzt, weil sie Ratschläge meinerseits immer dankbar entgegennahm und sich durch Kritik meinerseits nicht angegriffen fühlte. Ich erinnere mich da an fruehere Konflikte mit Erzieherinnen, angefacht durch Kritik meinerseits. Möglicherweise gehe ich jetzt, sechs Jahre älter als beim ersten Little Smile Aufenthalt, aber auch einfach diplomatischer, ruhiger und überlegter an diese Konflikte heran und habe verstanden, dass es keinen Sinn macht, meine Wahrheit den Menschen überstülpen zu wollen, sondern ich nur versuchen kann, meine Sichtweise in Ruhe zu erklären.
Insofern merke ich, dass Lebenserfahrung (sofern ich mit 26 Jahren davon sprechen kann) eine große Hilfe ist, in einem derart fremden Land zu arbeiten, und kann mir mittlerweile kaum noch vorstellen, wie man direkt nach dem Abitur in einem Projekt sinnvoll eingesetzt werden kann- man hat ja nichts praktisch relevantes gelernt, man hat keine Spezialisierung. Was man jedoch weitergeben kann, ist Herzblut für die Idee von Little Smile, Herzblut für Gleichberechtigung aller Religionen, Hautfarben, Geschlechter und sich dementsprechend verhalten. Dass man als deutsche Freiwillige den gleichen Alltag hat wie die einheimischen Mitarbeiter, ist ein Teil dessen. Die Küchenfrauen erinnern sich jedenfalls noch heute daran, wie ich damals mit ihnen den Reistopf von der einen zur anderen Feuerstelle getragen habe ohne mich zu beschweren. Gleichberechtigung auf kleinster Ebene. Wenn eine Begeisterung für diese Idee besteht, und man bereit ist, die damit verbundenen Strapazen (es ist einfach schwer, jeden Tag um fünf Uhr aufzustehen und 24 Stunden Kinder um sich zu haben) ist ein Einsatz in Little Smile sinnvoll, auch ohne viel Lebenserfahrung. Denn dann bleibt zumindest hängen, dass man sich für die Menschen interessiert, und sie wertschätzt- ein Bewusstsein, das die Menschen in Sri Lanka scheinbar verloren haben- Sklavenhandel, Kolonialisierung, Bürgerkrieg haben ihre Spuren hinterlassen.

Was in den folgenden drei Wochen geschah, kommt mir hier noch mehr wie ein schlechter Film vor, vor allem, wenn ich versuche, meinen Freunden davon zu berichten. Michael Kreitmeir wurde unschuldig mit seinem Sohn, einer Mitarbeiterin und zwei Mädchen festgenommen, meiner Freundin Bawani, die Witwe und Tamilin ist, mit einer 25 jährigen Inhaftierung gedroht, den Mädchen versucht, Lügen über einen angeblichen Missbrauch in den Mund zu zwingen (mithilfe von gezogenen Maschinengewehren).
Dies alles war mir jedoch nicht klar, als am Morgen des 18. August plötzlich Militär im Kinderheim war. Langsam sickerte die Nachricht zu mir durch, dass die Leute, die einen Tag vorher zu einer Kurzreise an die Ostküste gestartet waren, festgenommen worden waren. Saradha war immer in Begleitung von Soldaten, hatte ein müdes, augenringgesäumtes Gesicht. Keine konkreten Informationen wurden uns Erzieherinnen gegeben, nur dadurch, dass ich Deutsche bin, gaben mir die Leute im Büro, einige Informationen, die ich jedoch nicht weitergeben sollte, um keine Unruhe aufkommen zu lassen. Diese Unklarheit war quälend und die Soldaten, die das Kinderheim durchsuchten, Saradhas düsterer Blick, den sie mir zuwarf, als die Beamten mit ihr im Schlepptau zum Honest House kamen um mich und Shyamali kurz zu befragen, machten mir große Angst. Aber ich versuchte, die Erzieherinnen zu einem Programm zu motivieren, ging mit den Kindern auf den Spielplatz, malte mit ihnen Geburtstagskalender, auch um mich selbst von den Sorgen abzulenken. Die Kinder verstummten, sobald sie einen Soldaten sahen, machten aber den Eindruck, dass dies keine neue Erfahrung für sie sei. Wieder eine Spur des Bürgerkriegs.
Die nächsten Tage waren von einer lähmenden Unsicherheit geprägt, irgendwann, nach Manuels Rückkehr ins Kinderdorf, wussten dann doch alle Erwachsenen, was passiert worden war. Keiner wollte ein richtiges Ferienprogramm einhalten und schöne Dinge unternehmen, sodass ich hier weiterhin versuchte, die Leute zu motivieren, im Sinne der Kinder und somit auch im Sinne Michael Kreitmeirs zu handeln. Auch musste eine gemeinsame Haltung vor den Kindern gefunden werden. In einem Meeting setzte ich mich dafür ein, dass man den Kindern die Wahrheit vermitteln solle, und stieß zunächst auf Gegenpositionen. Schließlich aber konnten wir uns auf eine gemeinsame Position einigen, die den Kindern so vermittelt werden sollte.
Ich versuchte, Manuel in seiner Arbeit zu unterstützen, tippte Michaels Briefe aus dem Gefängnis und nahm Protokolle der Festnahme der Betroffenen auf. Letzteres war für mich eine schwierige Aufgabe, manchmal schossen mir die Tränen der Wut, der Ohnmacht und des Mitleids in die Augen. Ich konnte es einfach nicht fassen, mit welcher Härte die Korruption zuschlug. Hier wurde wieder einmal klar, zu welchen Taten Menschen imstande sind, wenn sie dafür bezahlt werden. Kein STF- Officer wird sich gefragt haben, ob sein Handeln richtig ist, er handelt nach Befehl, und hätte sicher auch getötet, wenn dies der Befehl gewesen wäre. Nicht wirklich eine neue Einsicht für mich, schließlich habe ich schon immer Kritik an diesen bedingungslosen Untertanen gehegt, die keinerlei eigene Verantwortung für ihr Handeln übernehmen, ihre Moral einer Obrigkeit opfern, ob in Deutschland oder in Sri Lanka. Aber hier konnte ich mich nicht entziehen, die Opfer saßen neben mir, waren ganz real und nicht Inhalt einer Reportage. In den nächsten Wochen sollte ich noch häufiger Träume von diesen Soldaten haben, in denen war ich dann Ziel ihrer Angriffe. Aber das Aufwachen verschaffte dann keine große Erleichterung, weil dies plötzlich (wieder) Teil meines Lebens war.
In der Nacht des 25. August kommt Michael Kreitmeir gegen Bürgschaft aus dem Gefängnis frei und kehrt sofort ins Kinderdorf zurück. Die Kinder heißen ihren „Lokuthatha“ herzlich willkommen, hier Majas Buben aus dem Honest Haus.


Die Wiederkehr von Michael war eine Erleichterung, aber es war schnell klar, dass das Problem nicht gelöst worden war. Daher schwebte das Projekt weiterhin in Unsicherheit. Wird es einen weiteren Prozess geben, wie wird er ausgehen? Wird das Projekt in der Form weiter existieren? Viele Angestellte bangen um ihre Zukunft, die Kinder wohl weniger, weil sie das Ausmaß der Bedrohung nicht wirklich begreifen können. Sie bangen, weil für sie das Projekt Little Smile unmittelbar mit ihrem „Lokuthata“ verbunden ist, und ihre einzige Sicherheit darstellt. Sollte es wegfallen, müssen sie sich einzig und allein den Wünschen ihrer Familie fügen, müssen heiraten um eine soziale Stellung inne zu haben. Schon jetzt müssen sie der Kritik ihrer Familien und Freunde standhalten, die in den Zeitungen von deren angeblich drogenabhängigen Chef lesen.
Jetzt lese ich, dass auch der Prozess am 17. September wieder einmal ergebnislos ausging. Die Situation wird also weiter unklar sein. Ich weiß, dass Michael trotz dieser Unklarheit seinem Projekt vermitteln wird, dass sie trotzdem die Tage ausnutzen sollen, dass sie trotzdem weiter stark sein und für die Kinder da sein sollen. Für diese Gabe, immer wieder aufzustehen und der sich gegen den Wind zu stellen, habe ich großen Respekt. Ich bin mir sicher, dass die Menschen in und um Little Smile schon alleine durch dieses Beispiel an Konsequenz, Mut und Hingabe geprägt werden und sich dadurch das Ideal, welches hinter dem Projekt steht, fortpflanzt, auch wenn es manchmal scheint, als hätten die Leute den Platz nur ausgenutzt. Ich bin überzeugt, dass selbst die, die sich nie wieder melden, ein Stückchen des Idealismus, den sie dort erleben, mit sich tragen. Dafür hat sich das Projekt gelohnt, egal was später sein wird.

In den unruhigen Tagen und den Menschen um mich, die zwischen Resignation und Hoffnung schwankten, habe ich oft an das für mich ergreifendste Lied von John Lennon, „Imagine“, gedacht- es gibt kein besseres Schlusswort als dieses!
Imagine there's no Heaven
No Hell below us
It's easy if you try
Above us only sky

Imagine all the people
Living for today

Imagine there's no countries
It isn't hard to do
Nothing to kill or die for
And no religion too

Imagine all the people
Living life in peace...

You may say I am a dreamer
But I'm not the only one
I hope someday you'll join us
And the world will be as one

Imagine no possessions
I wonder if you can
No need for greed or hunger
A brotherhood of man

Imagine all the people
Sharing all the world...

You may say I am a dreamer
But I'm not the only one
I hope someday you'll join us
And the world will be as one