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„...denn kein Moment kommt zurück!“

Erinnerungen an ein Wunder von Mara Grandisch

Jetzt sitze ich hier an meinem Lieblingsort zum Nachdenken, auf einem großen Felsen, mit all den Kinderhäusern, dem Sportplatz, in meinem Rücken, den Blick auf riesige Bäume und einen weiteren Felsen, in Little Smile Maha Gedara und meine letzten Tage brechen an, sie schwinden.
Das ist was ich sehe, doch ich kann erahnen was dahinter steckt.
Was hinter einem dieser Baumgiganten steckt, an Erfahrung, an Leben, kann ich hier nicht festhalten, doch örtlich gesehen ist hinter dem Baum da vorne und ein paar hundert Bananenpflanzen weiter, unsere Chapel. Ein besonderer Ort, in dem mich manchmal bei dem gemeinschaftlichen „Kumbaya“ singen, während alle durch Händehalten miteinander verbunden sind, einfach Emotionen überkommen: Freude, Trauer, Erschöpfung, Glück, um dann aus genau diesem Moment Kraft zu schöpfen.
Hinter dem Felsen rechts unterhalb von mir, sitzt, verborgen in einer Höhle ein hungernder Buddha. Er schaut in dieselbe Richtung wie ich jetzt gerade. Doch er sieht etwas vollkommen anderes. Ich sehe dichten Dschungel, eine Wand, ein scheinbares Durcheinader aus Grün. Und er?
Es kommt eben immer auf den Blickwinkel an und die Erfahrung. Es liegt daran wohin du schaust, wie du schaust, was du sehen möchtest und vor allem was du daraus machst.
„Man kann andere nur sehr schwer ändern, erst einmal muss man bei sich selbst anfangen. Denn nur indem du an dir selbst arbeitest kannst du langsam beginnen an deinem Umfeld zu arbeiten!“ Immer wieder hat mir Michael Kreitmeir diesen Rat gegeben, wenn ich allzu ungeduldig war, zu schnell zu viel wollte. Und dann seine klare Aufforderung an uns alle: „Carpe diem, pflücke also nütze den Tag!“
Ich habe gelernt, dass man seine Zeit leben muss, denn kein Moment kommt zurück. Also habe ich meine Zeit hier, 3 Monate, gelebt. Ich habe viel Energie und Herzblut gegeben, habe immer wieder aufs Neue mein Bestes versucht, weil ich mir als Ziel gesetzt habe, nicht aufzugeben, sondern immer wieder aufs Neue nach vorne zu schauen.

Natürlich habe auch ich mich gefragt was von mir bleiben wird wenn ich gehe. Es ist wahrscheinlich, dass ich keine dramatischen Spuren hinterlassen werde, eventuell gar keine, das ist schade. Man könnte meinen, die Arbeit hier sei aussichtslos, das ist sie vielleicht auch, aber darum geht es nicht in erster Linie. Erst einmal lebt und arbeitet man im Hier und Jetzt, im Moment. Wer weiß schon was kommen wird, gerade in einem so ungewissen Land wie diesem? Ich möchte nur sagen können „ich habe in diesem Moment mein Bestes versucht, ich habe den Moment genutzt“. Alles Weitere kann ich nicht direkt beeinflussen und daher fokussiere ich mich mit all meiner Energie auf das Jetzt.

Und dass genau das richtig ist, wurde mir in Little Smile so oft gezeigt. Ich hatte viele besondere Momente, unbeschreiblich schöne Momente, in denen ich Kraft schöpfte und wusste, hier bin ich richtig, hier mochte ich sein.
Wenn ich einfach nur meine wilden, chaotischen, schreienden Honestboys (von 4 bis 11 Jahre) abends alle gemeinsam auf einer großen Matte schlafen sehe. Die Betten leer, weil sie zusammen schlafen wollen. Alle friedlich, aber natürlich nicht still, der eine labert im Schlaf vor sich hin, der andere gibt das sanfte Quietschen einer Säge von sich.
Man kann nicht anders als diesen Kindern Liebe zu geben.

Der Abend nach meinem ersten ganzen Tag in Little Smile war besonders schön für mich. Für mich war noch alles sehr neu, es war schwer sich einzufinden, sich nützlich zu machen und sich dadurch ein bisschen nützlich zu fühlen.
Es war ein Mittwoch, das heißt, dass das abendlich Gebet, an diesem Tag christlich, gemeinsam im Mainhouse gehalten wird. Hier saßen wir alle, eng aneinander, ohne Licht, nur mit einer Kerze, hörten leise Musik und Lokuthaththa forderte alle auf, sich ihren ersten Tag ins Gedächtnis zu rufen.
Denn mit diesem Tag fing für sie ihr Leben in einem richtigen Zuhause an, in einem Zuhause dass mit aller Stärke versucht jedem Kind ein Lächeln zu schenken.
Der Raum war still und die Emotionen schienen schwer in der Luft zu hängen, manche weinten, und ich war mitten drin, ab diesem Augenblick ein Teil von Little Smile.
Dieser Moment, ihn miterleben zu dürfen, das ist unvergesslich.

Kurz nach meiner Ankunft kamen auch vier neue Kinder nach Little Smile. Priya, Pushpa, Sindur und Dinuka. Sindur und Dinuka sind beide im Kindergartenalter, sie kamen von der Strasse und wurden von der Polizei hergebracht. Anfangs waren sie sehr schüchtern, insbesondere Sindur sprach fast gar nicht und mied Blickkontakt. Die Sindur und Dinuka, die ich jetzt sehe, die mit aller Kraft und Freude an Wettrennen teilnehmen, oder wie Dinuka vorhin plötzlich auf meinen Schoss klettern, meine Hände inspizieren und mittlerweile sogar anfangen englisch zu sprechen, sind nicht mehr wieder zu erkennen.

Ich bin hier oft an meine Grenzen gestoßen, war einfach nur wütend darüber immer wieder gegen Wände zu rennen. Doch genau daran bin ich am meisten gewachsen, der Widerstand, die Reibung entfacht das Feuer. Ich habe gelernt mit dem zu arbeiten was mir zur Verfügung steht, das heißt, mit und an mir selbst zuerst und dann mit den Möglichkeiten die da sind. Wenn man sich ganz auf das einlässt dann stehen einem plötzlich Wege offen, die man vorher gar nicht wahrgenommen hat.

„Die Zeit heilt alle Wunder“ heißt es in einem von mir seit Jahren gemochten Lied. Ich hoffe sehr, dass das bei mir nicht der Fall sein wird.
Und ich denke diese Hoffnung ist berechtigt, denn dieses Wunder, Little Smile Maha Gedara, „das Zentrum der Familie“, hat Spuren in mir hinterlassen die nicht so einfach verwischen werden und die ich nie mehr missen möchte.

Im Grunde genommen kommt alles auf ein Wort zusammen, das sehr großen Wert und Tiefe hat: DANKE!

Mara Grandisch, 28.05.2011