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“I gave my best for you, but you gave me more”

Shantala über Ihre Zeit als Freiwillige im Kinderdorf Little Smile
Ich kam mit gemischten Gefühlen, da ich nicht wusste, was mich erwarten würde. Einerseits freute ich mich schon seit langem sehr darauf, mein bestes geben zu können, und mit Kindern, die es nicht so leicht haben, zusammen zu sein und eine sehr lehrreiche Zeit zu verbringen. Ich war mir sicher, dass es eine solche werden wird. Andererseits wusste ich nicht, ob ich allen Anforderungen gerecht werden und, ich nicht eine zu große Last anstatt Hilfe für Little Smile sein würde. Es fiel mir auch schwer, Deutschland zu verlassen, da mein Großvater kurz vor meiner Abreise einen Schlaganfall erlitt und ich nicht wusste, wie es im gehen wird. Es war mein erster Aufenthalt allein für solange Zeit in einem anderen Land. Dadurch sollte es eine Herausforderung werden.
Ich wurde sehr herzlich empfangen, als ich gerade zur Nachmittagsbesprechung ankam. Alle waren sehr freundlich und doch in gewisser aber natürlicher Weise distanziert. Saradha und Bawani, zwei einheimische Betreuerinnen, zeigten mir alles und erklärten mir den Tagesablauf. Somit wurde ich liebevoll in mein neues Zuhause eingewiesen. Die Kinder waren ebenfalls alle sehr nett, hilfsbereit und natürlich sehr neugierig, als ich ankam.

In den ersten zwei Wochen ging es hauptsächlich darum, die Kinder, die Mitarbeiter, meine Arbeit und das Leben hier kennen zu lernen. Es fiel mir nicht schwer, da alle sehr hilfsbereit waren. Mir wurden Arbeiten gezeigt, die ich vormittags im Office zu erledigen hatte, so sollte ich beispielsweise die Akten aller Kinder erneuern. Dafür musste ich mich mit der zuständigen Matrone über die einzelnen Kinder unterhalten und dann einen kurzen Bericht schreiben. Das half mir sehr, die Kinder schneller kennen zu lernen. Darüber hinaus verbrachte ich meinen Tag vom Aufstehen bis zum zu Bett gehen mit den Kindern. Ich war speziell zuständig für das Wisdom und das Honest House, in denen die kleinen Mädchen und Jungs wohnen, die mich alsbald auch mit sehr viel Zuneigung aufgenommen und anerkannt hatten. Zu Anfang fiel es mir dort ein wenig schwer, weil die zuständige Matrone kein English sprach und mir aus Höflichkeit keine Arbeiten abgeben wollte. Aber auch das hat sich schnell geändert. Wir fanden einen Weg, uns auch ohne Sprache zu verständigen und sie überlies mir zunehmend mehr Aufgaben.

Die ersten drei Wochen hatte ich überhaupt keinen Kontakt mit meinen Eltern und Freunden in Deutschland. Außer, dass ich mir Sorgen machte und mich fragte, wie es wohl meinem Opa gehen würde, war dies eine sehr schöne und wertvolle Erfahrung. In so einer Zeit ohne bzw. wenig Kontakt zu seinem gewohntem Leben, merkt man sehr schnell, wer und was einem wirklich wichtig ist. Auch habe ich die Erfahrung gemacht, dass man mit einer freundlichen Einstellung und einem Lächeln auf den Lippen, überall schnell Freunde findet.

Besonders gut fand ich, dass ich in keiner Weise von dieser „großen Familie“ ausgeschlossen wurde. Ich durfte vom ersten Tag an zum Meeting kommen und meine Ideen und Gedanken einbringen. Von Anfang an wurde mir Verantwortung übertragen und Vertrauen geschenkt. Auch Lokuthata, das bedeutet „großer Vater“ und alle nennen hier Michael Kreitmeir so, sprach immer wieder mit mir, fragte mich, wie ich klar komme und erklärte mir so manches über das Projekt, Koslanda und das Land. Somit lernte ich ziemlich schnell die Probleme der Menschen und des Kinderdorfes zu verstehen. Ich kam in einer sehr schwierigen Zeit für Little Smile, einer Zeit mit vielen Problemen und viel Arbeit, dennoch wurde mir nichts verschwiegen und ich bekam alles erklärt. Dafür war ich stets sehr dankbar. Ich durfte an Ausfügen mit den Kindern teilnehmen und wurde nirgends ausgeschlossen.

Einmal durfte ich mit Lokuthata, zwei Herren einer Hilfsorganisation und ein paar von den großen Jungs mitfahren nach Kalmunai, einer der vom Tsunami meist betroffenen Ortean der Ostküste. Wir hatten einige Termine wegen Projekten von Little Smile. Der Trip dorthin hat mich sehr beeindruckt und ich bin immer noch dankbar, dass ich dies sehen und erleben konnte. Es kam mich sehr hart an und stimmte mich zutiefst traurig, diese teilweise immer noch vollständige Zerstörung zu sehen, besonders als wir am Meer standen, an der Stelle eines ehemaligen Kinderhauses, von dem nichts mehr übrig war. Auf dem Gelände standen noch ein paar Kreuze. Alle Kinder sind durch Tsunami umgekommen. Es hat sehr wehgetan, dies zu sehen und es hat mich tief bewegt. Ich bewundere Manuel, Lokuthathas 18jährigen Sohn und alle anderen hier, die nur wenige Stunden nach der Katastrophe dort hinfuhren, um zu helfen. Ich war acht Monate später dort und es war immer noch furchtbar anzusehen. Wie muss es auf all die gewirkt haben, die so kurze Zeit später vor Ort waren… zwischen Wasser, Zerstörung und Tod?

Ich konnte miterleben, wie Mitarbeiter und Besucher, die nach Little Smile gekommen waren, wieder in ihre Heimat zurück mussten, und es fiel allen sehr schwer, zu gehen. Lokuthata prophezeite mir, dass auch mein Tag des Abschieds bald kommen wird. Damals dachte ich, dass es noch eine Ewigkeit bis dorthin sein würde und ich noch alle Zeit der Welt hätte. Nun ist diese Ewigkeit leider doch keine Ewigkeit, und meine Zeit ist fast vorüber.

Es war für mich eine ganz besondere Erfahrung, für die Kinder, die teilweise keine Eltern mehr haben oder von Zuhause nur Gewalt und Ablehnung erfahren haben, eine Schwester oder Tante, wie sie mich nannten, zu sein und ihnen meine Liebe geben zu dürfen. Alle Kinder waren für mich wie meine eigenen Kinder. Sie spielten mit mir, sie kamen, wenn sie Probleme hatten und ich tröstete sie, wenn sie weinten oder sie waren einfach nur da, um auf meinem Schoß zu sitzen. Dies hat mich sehr bewegt, denn es war wunderschön; es gibt nichts Schöneres als die Liebe und das Vertrauen von Kindern zu erfahren. Nachdem ich auch mit den Mitarbeitern mehr und mehr in engeren Kontakt kam, sind viele zu sehr guten Freunden geworden, die heute einen Platz in meinem Herzen haben, sicherlich auch dann noch, wenn ich bald wieder am anderen Ende der Welt sein werde.

Nach der ersten Eingewöhnungszeit, in der ich Little Smile zwar schätzen gelernt habe, mein Verhältnis aber noch etwas distanziert war, merkte ich, dass die Zeit, die ich hier verbringen würde, viel zu kurz ist. Ich spürte, dass mir Little Smile, mit allen Kindern, Mitarbeitern und seiner Idee, sehr ans Herz gewachsen war. Ich fing an, Little Smile wirklich zu lieben. Nun verstand ich auch, wie Menschen solche Opfer bringen konnten, um hier zu arbeiten und zu helfen. Als ich mir dessen bewusst wurde, fing die Zeit an zu rennen, besser gesagt, zu fliegen. Die Tage vergingen, bevor sie überhaupt da waren. Dabei gab es auch Zeiten während meines Aufenthalts, in denen es für mich nicht sehr leicht war. Ich hatte schwer mit mir zu kämpfen, aber letzten Endes war es nur eine Herausforderung, mit der ich persönlich fertig werden musste und die mich im Leben ein Stück weiter gebracht hat.

Es war somit eine der lehrreichsten Erfahrungen und wertvollsten Zeiten in meinem Leben. Ich durfte sehen und erfahren, wie Kinder ohne Eltern, in einer anderen, ärmlichen Kultur leben und aufwachsen. Ich durfte für diese Kinder da sein, und ihnen meine Zuneigung schenken. Ich konnte erkennen, dass, wer Gutes im Sinn hat, überall auf dieser Welt echte Freunde finden kann, unabhängig von Glauben und Hautfarbe. Manchmal hätte ich bei gewissen Aufgaben gerne aufgegeben, doch ich habe es immer wieder versucht und es so letztlich auch geschafft. Dadurch habe ich erkannt, dass wenn man etwas wirklich möchte, man alles erreichen kann. Ich führte das erste Mal in meinem Leben ein eigenständiges Leben, und das weit weg von zu Hause. Aber, es fiel mir nicht allzu schwer in meiner neuen Familie, in der ich sogar in Bawani eine Amma (Mutter) gefunden habe.

Ich verbrachte eine wunderbare Zeit in einer völlig anderen Welt, nicht als Urlauberin, als Touristin, sondern vielmehr als jemand, der schon immer hier zu Hause gewesen ist. Dadurch lernte ich das Land auch aus einer ganz anderen Sicht kennen.

Eher nebensächlich erscheint es mir heute, dass ich durch meinen Aufenthalt hier, meine Englischkenntnisse um einiges verbessern konnte. Ich denke, die meisten Veränderungen, die durch diese Zeit in mein Leben eintreten werden, sind mir jetzt noch gar nicht bewusst. Vieles werde ich erst erkennen, wenn ich wieder in meinem gewohnten Leben in Deutschland sein werde.

In diesem Sinne möchte ich allen Mitarbeitern und Kindern in Little Smile für diese wunderbare Zeit danken, besonders Lokuthata, für sein Vertrauen, das er mir geschenkt hat. Ich hoffe, ich habe es erfüllt. Ich habe mein Bestes gegeben, um ihn nicht zu enttäuschen. Darüber hinaus danke ich meinen Eltern, die es mir ermöglicht haben, all diese Erfahrungen alleine machen zu können. Ein Dankeschön auch an Herrn Ed Weeber, den Direktor unseres Gymnasiums, der mich zwei Wochen vom Unterricht befreit hat. Nicht zuletzt geht mein Dank an meine Freundin Carina, dafür, dass unsere Freundschaft kein bisschen darunter leiden musste, und dass sie sich zusammen mit Marius, meinem Bruder, so liebevoll um mein Pferd Sunny gekümmert hat.

Ich hoffe, dass es nicht meine letzen Tage in Little Smile sein werden und ich wiederkommen kann und darf, so denn mein Aufenthalt hier auch eine kleine Hilfe für Little Smile gewesen ist.

Als Manuel abreiste, sagte er zu uns: „I promise you, I gave my best for you, but you gave me more.” Umso näher der Tag meiner Abreise rückt, desto mehr fühle ich mit ihm und erkenne, dass seine Worte, die mich zutiefst bewegt haben, auch für mich Gültigkeit besitzen. So schließe ich mich seinen Worten an.

Nun sollte ich nicht zu sehr traurig sein, dass ich gehen muss, sondern glücklich, dass ich hier sein durfte.


Little Smile/Koslanda, den 02.09.2005

Shantala