Besucher seit Januar 2005: 875655

Phase 75: April bis Juni 2018

Es kommt der Tag da muss man loslassen, muss man Kinder und Jugendliche, über die man viele Jahre schützend die Hand gehalten hat, ins Leben „entlassen“. Beim Segen während des singhalesischen Neujahrfestes fallen Michael Kreitmeir all die vielen guten und auch schwierigen Momente ein, seit Dikshi als kleines, schüchternes Mädchen nach Little Smile gebracht wurde. Die Familie möchte sie nun zurück, die 16jährige wird sich fügen. Und wir? Wir hoffen, dass sie durch das, was sie hier gelernt hat stark genug ist, auch als tamilische Frau ihren Weg, ihr Glück zu finden.
Während der Neujahrfeiertage Mitte April scheint das ganze Land unterwegs zu sein. Die Straßen sind hoffnungslos verstopft, viele Restaurants und Hotels geschlossen, weil auch deren Besitzer Ferien machen. Sogar im Nachbardorf Koslanda sind rund um den 14. April fast alle Läden mindestens eine Woche zu. Der Trip zum Neujahr kann da schnell zum Reinfall werden. Wir in Little Smile haben es da gut. Warum auch in die Ferne schweifen, bei all der herrlichen Natur in und um das Kinderdorf. Und so machen wir lieber kleine Ausflüge in unser Naturschutzgebiet oder nach Rajagiri, dem Königsfelsen von Little Smile. Das Essen bringen wir mit und viel gute Laune und Ideen für Spiele, Kinderherz, was willst du mehr?
Neujahr ist auch Besuchszeit und so ist es kein Wunder, dass viele Ehemalige die Gelegenheit und die freien Tage nützen um da vorbeizuschauen, wo sie einmal „daheim“ waren. Mehr als ein Jahrzehnt war Nadeeka hier, hatte hier eine unbeschwerte Kindheit und Jugend und später als Mitarbeiterin auch noch den „Mann fürs Leben“  gefunden, unseren Buchhalter Sanjaya. Inzwischen ist das Kind von einst selbst Mutter und zeigt nun ihre Tochter stolz, wo sie einst Kind war.
Colombo ist weit weg, nicht nur aber eben auch geografisch. Doch nicht nur sechs Stunden Fahrt liegen zwischen der Welt in der Hauptstadt und dem Leben hier. Der deutsche Botschafter Jörn Rohde, der mit seiner Familie im April einige Tage die Projekte des „Deutschen in den Bergen“ besucht, staunt, wie sehr das Leben sich hier an der Natur, den Bedürfnissen der Kinder und der Gestaltung ihrer Entwicklung orientiert, egal ob in den organischen Farmen, dem Kinderdorf, Bubenheim oder wie hier im Naturschutzgebiet von Little Smile.
Ranjith, selbst im Kinderdorf aufgewachsen und Arbeiter in unserer Farm, zeigt dem deutschen Botschafter, wie man Zimt schneidet. Ob weißer oder grüner Pfeffer, handgerollter Tee oder frischer Zimt. In der Farm in Dikkapitiya ist man ganz nah dran an Mensch und Natur. Ganz besonders angetan hat es Jörn Rhode der frisch fermentierte Pfeffer von Little Smile, der nun auch in der offiziellen Vertretung Deutschlands für kulinarische Aha-Erlebnisse sorgen wird.
Fast alle kleinen Teefarmen mussten in den letzten Jahrzehnten aufgeben, viele Fabriken wurden geschlossen, zahllose tamilische Arbeiter verloren ihren Job. Verantwortung übernehmen, gegenüber der Natur aber auch für Menschen, die nichts anderes gelernt haben als die Arbeit mit Tee. Mehr noch! Little Smile Organic bewahrt die alten Teesorten, setzt auf Vielfalt und gibt besonders alten Menschen, die zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben haben, Arbeit und damit Würde. Mit handgerolltem Tee und besonderen Sorten hoffen wir, eines Tages grade auch mit unserem Partner Eliya-Tea-Project neben dem Wert für Menschen und Natur auch wirtschaftlichen Erfolg zu haben.
Es ist wie ein Virus, wie eine ansteckende Krankheit. Der Nachbar hat ein Auto, wir müssen auch eines kaufen. Dabei sind die Straßen schon jetzt chronisch verstopft. Besonders schwierig aber wird es, weil selbst die kleinsten Fahrzeuge, wie dieses chinesische Modell hier, bis zu 10 Jahresgehälter eines Durchschnittsverdieners kosten. Viele der Geldverleiher haben sich auf dieses Geschäft spezialisiert und oft ist der stolze Autokauf der Anfang vom wirtschaftlichen Ende. Gut, dass unser leitender Mitarbeiter Nalin auch ohne teure Kredite sich den Traum seiner Mutter und Frau und die Sicherung des gesellschaftlichen Status leisten kann. Auf den Rat vom Boss hat er diesmal nicht gehört.
Und während sich überall in Sri Lanka Menschen wegen dem Kauf eines Autos hoffnungslos überschulden, verkauft Michael Kreitmeir seinen BMW X 3. Nachdem nun Projekte im fernen Kalmunai abgeschlossen und übergeben sind, wie die Internationale Schule, geht es auch ohne. Und weil Fahrzeuge in Sri Lanka mit bis zu 400 % Steuer belegt sind und die Kosten ständig steigen, ist jetzt die richtige Zeit für eine Trennung. Kreitmeir setzt so aber auch ein Zeichen in einer Gesellschaft die den Wert eines Menschen gerne an Statussymbolen misst, allen voran der Größe und dem Preis des Autos.
Wie schwer war es damals, vor fast 20 Jahren, als Michael Kreitmeir begann ein Zuhause für Kinder zu schaffen, Früchte zu bekommen. Auch heute ist es noch schwierig, in und um Koslanda frische Früchte aufzutreiben. Fast alles, was gut und voller Vitamine ist geht in die Hotels oder gleich in den Export. Der zunächst sehr erfolgreiche Anbau von Obst und Gemüse im Kinderdorf wird inzwischen nahezu ausschließlich von Affen geerntet. Gut, dass wir rund um unser Ausbildungskrankenhaus in Buttala nicht nur die alten und mächtigen Mangobäume haben, sondern auch tausende von Zitronen und Orangenbäume und zahllose Passionsfrüchte und Bananen gepflanzt haben und das in einer affenfreien Zone. Der Lohn: Vitaminbomben für unsere Kinder.
Der Zerstörung der Natur, der Massentourismus in Parks und immer mehr und immer größere Agrarfabriken, sowie die zunehmende Zersiedlung lassen freilebenden Tieren kaum noch Raum zum Überleben. Während Bergrehe und Leoparden still und fast unbemerkt weitgehend verschwunden sind, fällt das langsame Sterben der letzten wilden Elefanten schon wegen ihrer gewaltigen Größe auf. Sie drängen auf der Suche nach Raum und Futter in Regionen, die bisher nicht von ihnen besiedelt waren, wie die Bergwelt rund um das Kinderdorf. Die ständigen Zerstörungen besonders der Palmen und Bananenstauden wären ja noch zu verkraften, sogar die Verwüstungen unserer Gemüsegärten, aber durch ihr zunehmend aggressives Verhalten müssen wir Mitarbeiter und besonders Kinder schützen. Gottlob gibt es inzwischen Elektrozäune, die diese Tiere nur vertreiben und nicht verletzen.
Obwohl Little Smile zahlreiche Schulen regelmäßig unterstützt, Möbel anschafft, Unterrichtsmaterial, Toiletten und Klassenzimmer baut und Lehrer bezahlt, lässt die Qualität der Bildung, besonders für Tamilen, viele Wünsche, sehr viele Wünsche offen. Und so reift in uns mehr und mehr der Entschluss selbst eine staatlich anerkannte Schule zu betreiben. Der Weg dorthin ist voller Hindernisse aber selten ist etwas von Wert einfach zu realisieren und Probleme sind wir gewohnt.
Freude am Lernen, ein Recht auf Bildung, Achtung und Respekt der Lehrer den Schülerinnen und Schülern gegenüber und nicht nur immer umgekehrt. Es gäbe so viel was am derzeitigen staatlichen Bildungssystem verbessert werden müsste. Da Kritik aber extrem unwillkommen ist und es an Einsicht der Verantwortlichen mangelt, bleibt uns mittelfristig nur ein Ausweg: Wir müssen die Bildung unserer Kinder in die eigenen Hände nehmen, unter staatlicher Kontrolle zwar, aber orientiert an einem  einzigen Ziel: Kinder und Jugendliche entsprechend ihrer individuellen Fähigkeiten zu fordern und zu fördern.
Alle Jahre wieder Ende Mai findet das große Sportfest im Maria Theresia College in Kalmunai statt. Trotz weiter Anreise lies sich Michael Kreitmeir von der Begeisterung der Kinder und Eltern anstecken, Schwester Lucrece hatte wieder alles perfekt geplant. Leider war es vermutlich ihr letztes Fest als Direktorin der Schule, die ihr so viel verdankt und die es ohne ihr Engagement gar nicht geben würde. Im Sommer plant der Orden ihre Versetzung, aber noch ist Hoffnung, dass die Ordensoberin den Bitten der Eltern und Schüler, ihre Direktorin doch noch da zu lassen, Gehör schenken wird.
Es war wie ein Stich ins Wespennest. Als wir die Not vieler alter Menschen in den Teeplantagen entdeckten und zu helfen begannen war das, als hätte man eine Lawine losgetreten. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, vom Staat ignoriert, fristen viele Alte, besonders Witwen, ein erbärmliches Dasein. Der Strom  der Bittstellerinnen vor unserem Büro jedenfalls reist kaum noch ab. Und doch können wir nur die größte Not lindern, es sind einfach zu viele Alte, die alleingelassen, hungrig und oft auch heimatlos ihre letzten Monate und Wochen, manchmal auch Jahre wie eine Strafe ertragen müssen.
Er war ein Geschenk von Schwester Lucrece an Michael Kreitmeir beim letzten Sportfest in Kalmunai. Doch statt, wie von der Schwester geplant, im Kochtopf, landete das Truthuhn „Luci“ in unserem Garten. Unser kleines Paradies für Tiere jedoch wird immer wieder von halbverwilderten Hunden angegriffen. Während viele der Hühner und unser bester Hahn zerrissen wurden, überlebte Luci schwerverletzt. Hunde werden in Sri Lanka mehr und mehr zu einer Plage, verbreiten Krankheiten und töten alles, was kleiner ist als sie.
Es ist immer wieder eine Freude für Michael Kreitmeir, wenn ehemalige Kinder zu Besuch kommen und so wie hier Dammika ein weiteres „Enkelkind“ präsentieren. „So lange man das Alter vor allen Dingen daran merkt, dass aus Kindern Leute und aus kleinen Mädchen Mütter werden, so lange muss man froh und dankbar sein“, so der Gründer von Little Smile. Wie viele „Enkel“ er jetzt schon habe? „Sicher mehr als Hundert und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht!“
Die Blätter der Manjokpflanze werden im Steinmörser zerstampft und geben dann ein gutes und gesundes Grünzeug zu Reis und Curry. Es ist erstaunlich, wie viel aus dem Bergurwald man essen kann und wie gesund das ist. Wenn’s dann auch noch schmeckt, was will man mehr. Und wer glaubt, kochen sei in Sri Lanka reine Frauenarbeit. Nicht in Little Smile. Schon unsere kleinen Jungs sind ganz begeistert wenn sie in der Küche helfen und danach das dann auch als Erste probieren dürfen.
Die Götter, allen voran ihr Liebling Ganesh sind uns gewogen. Bawani die Leiterin auf Hill Top ist davon fest überzeugt und ihr Vertrauen in dieses Wohlwollen wurde bestärkt als ein mächtiger Kanonenkugelbaum direkt neben unserer Bergvilla abbrach und so umstürzte, dass er das Gebäude weitgehend verschonte. Selbst der geschickteste Holzfäller hätte das niemals zusammengebracht, aber Hindu-Gott ist eben Hindu-Gott und Ganesh ist nicht irgendeiner.
Sie hat es noch immer geschafft, ihre Jungs satt zu bekommen. Doch David war für Bawani schon eine besondere Herausforderung. Am Ende einer mehrmonatigen Asienreise wollte der 20jährige Deutsche endlich einmal das richtige Leben auf diesem Kontinent kennenlernen, mit-leben und genau diese Chance bekam er in Hill Top, fast sechs Wochen lang. Ganz offensichtlich hatte er viel, sehr viel Hunger mitgebracht und so konnte sich Bawani weder bei den singhalesischen noch bei den tamilischen Gerichten über Mangel an Begeisterung ihres langen und erstaunlicherweise dürren weißen Buben beklagen.
Eine Taufe der besonderen Art bekam unsere Küchenfee Selvi im Bergbach, der durch das Kinderdorf führt. Der geballten Energie unserer 12 und 13jährigen Mädels hatte sie am Ende nichts mehr entgegenzusetzen und ging baden. Der gemeinsame Spaß im Wasser, weg von lärmenden Touristen, Müll und Betrunkenen, Little Smile ist ein kleines Paradies gerade für Mädchen, die draußen wenig zu lachen hätten.

Es gäbe in und rund um das Kinderdorf so viele Geschichten, die es wert wären erzählt zu werden. Da ist etwa dieser Mann. Schon als Michael Kreitmeir zum ersten Mal nach Koslanda kam, lief er mit einem Sack voller Steine die Straße entlang. Jeden Tag tut er dies seit er vor mehr als einem halben Jahrhundert um seinen Edelsteinfund betrogen wurde. Er holt Steine aus dem Urwald, schleppt sie über viele Kilometer zu dem Haus, wo einst der Betrüger wohnte und will dort seine Edelsteine verkaufen. Er spricht nicht mehr, lebt von Almosen und trägt seine Steine vermutlich so lange er leben wird.